Was Spastik ist
Ein Schlaganfall kann Nervenbahnen im Gehirn schädigen, die Bewegungen steuern. Darauf passt sich das Nervensystem an, und die Spannung in den gelähmten Muskeln kann dauerhaft erhöht bleiben. Mit der Zeit verändern sich auch die Muskeln selbst: Sie werden zäher, und es können bleibende Versteifungen entstehen. Fachleute sprechen dann von einer spastischen Bewegungsstörung.
Für die Behandlung ist wichtig, wie weit sich die Spastik ausbreitet:
- örtlich begrenzt: ein oder zwei benachbarte Gelenke, zum Beispiel eine verkrampfte Faust mit gebeugtem Handgelenk oder ein Fuß, der nach unten zieht,
- eine Gliedmaße: mehrere benachbarte Gelenke eines Arms oder Beins,
- größer: Arm und Bein derselben Seite, mehr als zwei Gliedmaßen oder der Rumpf.
Wann sie auftritt und wie häufig
Spastik zeigt sich nach einem Schlaganfall in der Regel nicht sofort, sondern mit einer Verzögerung von Wochen bis Monaten. Am stärksten ist sie meist drei bis sechs Monate danach, manchmal auch später. Die Leitlinie nennt diese Häufigkeiten:
- in den ersten ein bis vier Wochen bei 4 bis 27 von 100 Betroffenen,
- ein bis drei Monate nach dem Schlaganfall bei 19 bis 27 von 100,
- nach mehr als drei Monaten bei 17 bis 43 von 100.
Häufiger tritt sie auf, wenn die Lähmung mittelschwer bis schwer ist, wenn der Schlaganfall eine Hirnblutung war und wenn das Gefühl in Arm oder Bein gestört ist.
Achtung: Manches verstärkt die Spastik
Die Leitlinie nennt Auslöser, die eine Spastik verstärken können, darunter Schmerzen, wenig Bewegung, Anspannung, Infekte, Stuhl- oder Harndrang, Druckgeschwüre und Thrombosen. Nimmt die Steifigkeit plötzlich zu, sprechen Sie das in der Praxis an: Vor jeder Behandlung der Spastik wird nach solchen Auslösern gesucht.
Sie möchten das angehen? Der Navigator führt Sie Schritt für Schritt: Therapie zu Hause organisieren.
Welche Behandlungen es gibt
Alle hier genannten Verfahren empfiehlt die Leitlinie für bestimmte Situationen. Die Reihenfolge folgt dem Ausbreitungsmuster, dem die Leitlinie sie zuordnet, nicht dem Nutzen. Jedes Verfahren hat eine eigene Seite mit dem, was dafür und was dagegen spricht.
- Dehnung, Lagerung und Schienen: Die Leitlinie hält fest, dass Dehnen mit Lagerungsschienen die Spastik am Handgelenk verringert, Lagern allein aber nicht. Am Bein kommen auch Gipsverbände in Frage, die in Abständen neu angelegt werden.
- Botulinumtoxin bei örtlich begrenzter Spastik, getrennt erklärt für den Arm und das Bein: Der Wirkstoff wird in einzelne Muskeln gespritzt und dämpft deren Anspannung für einige Monate.
- Antispastika zum Einnehmen bei Spastik in mehreren Körperteilen: Sie wirken im ganzen Körper, auch in Muskeln, deren Kraft Sie brauchen.
- Baclofen-Pumpe bei schwerer, ausgedehnter Spastik, wenn andere Wege nicht ausreichen. Sie setzt eine gesicherte Nachsorge über Jahre voraus.
Daneben nennt die Leitlinie Zusatzverfahren. Eine Stoßwellentherapie mit niedriger Energie sollte als Zusatz berücksichtigt werden, wenn sie angeboten werden kann und Spannung und passive Beweglichkeit das Ziel sind. Eine Vibration einzelner Muskeln am Arm kann ergänzend erwogen werden. Operationen an Nerven, Muskeln oder Sehnen können in Abstimmung mit chirurgischen Fachleuten erwogen werden.
Übungen und Training gehören dazu. Training für aktive Bewegungen hilft bei ausreichender Intensität oft, verringert die Spastik aber nicht regelmäßig. Wie Sie Physio- und Ergotherapie zu Hause organisieren, steht unter Therapie organisieren.
Was eine Behandlung leisten kann
Die Leitlinie unterscheidet deutlich zwischen weniger Spannung und mehr Bewegung. Für Botulinumtoxin am Arm gibt es nach ihren Worten sehr umfängliche Belege, dass es die Spastik, spastikbedingte Schmerzen und die Belastung für Pflegende verringert und die passive Beweglichkeit verbessert. Dass der Arm danach aktiv besser greift, ist dagegen nicht belegt.
Deshalb wird vor einer Behandlung ein Ziel festgelegt, das für Sie zählt: zum Beispiel weniger Schmerzen, leichteres Anziehen und Waschen, sichereres Gehen oder das Vermeiden von Versteifungen. Danach richtet sich, welches Verfahren in Frage kommt.
Wer behandelt und wer zahlt
Die Leitlinie empfiehlt, eine dauerhafte, im Alltag störende Spastik in spezialisierten Zentren zu behandeln, mit einem erfahrenen Team aus mehreren Berufen. Kontrolltermine sollen in Abständen von meist höchstens sechs Monaten stattfinden. In der Praxis sind das neurologische Praxen mit Spastik-Sprechstunde, Reha-Ambulanzen und neurologische Zentren an Kliniken.
Schienen und Orthesen sind Hilfsmittel und werden ärztlich verordnet. Wie Sie sie beantragen, steht im Ratgeber für Hilfsmittel in DeutschlandHilfsmittel und Heilbehelfe in ÖsterreichHilfsmittel in der Schweiz. Ob die Kasse Spritzen, Tabletten oder eine Pumpe im Einzelfall trägt, hängt vom Präparat und vom Anwendungsgebiet ab. Klären Sie das vor dem ersten Termin mit der behandelnden Praxis.
Fragen für das Gespräch mit der Ärztin
- Ist die Spastik bei mir örtlich begrenzt oder breiter verteilt?
- Welches Ziel können wir mit einer Behandlung erreichen, und woran merken wir, ob es erreicht ist?
- Gibt es Auslöser, die meine Spastik gerade verstärken?
- Kommen Schienen, Botulinumtoxin oder Tabletten für mich in Frage, und was spricht jeweils dagegen?
- Gibt es in meiner Nähe eine Spastik-Sprechstunde oder ein spezialisiertes Zentrum?
- Trägt meine Kasse die Behandlung, oder muss das vorher beantragt werden?